Eine Weihnachtsgeschichte für Erwachsene
Weihnachten naht und damit die Zeit, in der wir ein paar freie Tage haben und uns mit Familie und Freunden zum gemeinsamen Feiern treffen. Weihnachtsgeschichten bei Kerzenlicht vorlesen, ein leckeres Essen und vielleicht ein Glas Wein und das Zusammensein geniessen. In diesem Weihnachtsimpuls erzähle ich eine wahre Geschichte, die sehr gut zu Weihnachten passt.
Es ist schon einige Zeit her, dass mir jemand das Buch «Tell me» von Thomas Pyczak empfahl. Pyczak ist ein professioneller Storyteller. Die meisten Menschen hören gerne Geschichten. Geschichten erreichen uns auf einer inneren Ebene. Und Weihnachtsgeschichten erzählen ja oft von Versöhnung, von Menschlichkeit, von Wundern und neuen Perspektiven.
So auch die original Weihnachtsgeschichte mit Maria, Josef und dem Christkind. Doch genau diese Geschichte ist für viele von uns Schnee von gestern.
Inhalt und Protagonisten sind uns je länger je ferner. Als Kinder haben wir sie vielleicht geliebt. Doch als Erwachsene haben wir sie aus den Augen verloren.
Darum erzähle ich hier eine andere Geschichte, die aus meiner Sicht genauso viel mit Weihnachten zu tun hat. Eine mit Menschen wie du und ich. Aus dem sehr lesenswerten Buch «Tell me».
Weihnachten bedeutet Beziehungen neu angehen
Weihnachten bietet Raum, um andere Menschen, vielleicht neu, zu entdecken. Hören, wie es ihnen geht. Und was sie beschäftigt. Darum geht es auch im Projekt StoryCops, das in Manhattan lanciert wurde.
Manhattan hat einen der grössten Bahnhöfe der Welt. Das ist nicht gerade der Ort, wo man sich entspannt hinsetzt und einander Geschichten, geschweige denn Weihnachtsgeschichten erzählt.
Zu viel Alltag. Zu viel Hektik und zu wenig Zeit. Doch im Oktober 2003, so erzählt Thomas Pyczak, steht da plötzlich, unübersehbar, ein Häuschen. Gut beleuchtet und mit roten und gelben, gemalten Silhouetten von Menschen an den Wänden.
Das Innenleben zeigt sich schlicht. Zwei gegenüberliegende Bänke, dazwischen ein Tisch mit einer Lampe und zwei Mikrofonen.
Maria und Josef aus der traditionellen Weihnachtsgeschichte wären wahrscheinlich damit zufrieden gewesen. Kinder kommen überall auf die Welt. Doch in diesem Häuschen werden keine Kinder, sondern ganz besondere Gespräche geboren.
StoryCops, von der Idee, ganz persönliche Gespräche zu führen
Die Idee für dieses Häuschen stammt von Dave Isay. Über ihn folgt später noch mehr. In diesem Häuschen, mitten in der Hektik, wie wir sie alle kennen, sollten intime Gespräche zwischen zwei Menschen geführt werden. Dazu wurden Hunderte von Mittlern eingestellt und ausgebildet, um die Menschen durch dieses Erlebnis zu leiten. Dave Isay erzählt:
«Ich hatte keine Ahnung, ob es gelingen würde, aber es funktionierte von Anfang an. Menschen behandelten diese Erfahrung mit unglaublichem Respekt, und es fanden fantastische Gespräche statt.»
Der Zweck von StoryCorps: Zwei Menschen, etwa Mutter und Sohn oder Grossvater und Enkelin, führen in einem geschlossenen Raum ein Gespräch. Nicht irgendeines. Nein:
Sie führen es so, als wäre es das letzte gemeinsame Gespräch!
Es geht um Liebe, Tod, Vergebung, Abschied. Das Vorgehen: Einer fragt, der andere erzählt seine Geschichte. Das Gespräch wird aufgezeichnet. Die Teilnehmenden erhalten eine Kopie und die zweite geht an das Folklife Center in Washingtons Kongressbibliothek.
Mehr als 100'000 Stimmen sind mittlerweile gespeichert, die in StoryCops-Häuschen in den ganzen USA aufgezeichnet wurden.
Es ist die grösste Sammlung menschlicher Stimmen und emotional festgehaltener Erinnerungen.
Die Weihnachtsgeschichte und StoryCops: das Wesentliche im Fokus
In der ursprünglichen Weihnachtsgeschichte wird ein besonderes Kind geboren. Gott wurde laut biblischer Überlieferung Mensch. Und lebte mitten unter Menschen. So das Wesentliche der traditionellen Weihnachtsgeschichte. Und bei StoryCops?
«Dieser abgeschlossene Raum, in dem sich nur noch ein Helfer befindet, der dafür sorgt, dass technisch alles glatt läuft, bringt die Menschen zum Wesentlichen.»
Man schaut sich gegenseitig in die Augen und teilt sich mit. Dass ein Gespräch aufgenommen wird, zeigt, dass es ernst gemeint ist.
Stimme und Geschichte werden noch da sein, wenn wir schon gestorben sind.
Persönliche Begegnung von Mensch zu Mensch. Von Kind zu Erwachsener. Kind zu Kind. Erwachsener zu Erwachsener. Ganz gleich, ob arm oder reich, Kind oder Greis, hell- oder dunkelhäutig. Kein Post auf Twitter, Facebook, LinkedIn, sondern eine Begegnung von Angesicht zu Angesicht. Persönliche Erlebnisse und Schicksale. Die Learnings dieses Projektes:
«Man kann jemanden nicht nicht mögen, wenn man dessen Geschichte kennt – auch wenn sie noch so krass anmutet.»
So erzählten es die ausgebildeten Mittler. Das Fazit: Im Grunde genommen sind alle Menschen gut.
Menschen erzählen in den StoryCops-Häuschen von Ereignissen, die ihr Leben nachhaltig verändert haben. Zum Beispiel eine Mutter, die den Mörder ihres Sohnes geheiratet hat oder ein Gespräch zwischen dem vom Asperger-Syndrom betroffenen Sohn und seiner Mutter.
Die Erzählenden kommen zu dem, was den Kern ihrer Existenz ausmacht. Sie schenken Verletzlichkeit und spüren emotionale Resonanz des Zuhörers, Verbundenheit und Vertrauen. Zuhörende schenken Respekt und Aufmerksamkeit.
Mit dem Erzählen der Geschichte werden Vorurteile abgebaut.
Weihnachten: Zum Kern unserer Existenz kommen
«Man kann jemanden nicht nicht mögen, wenn man dessen Geschichte kennt – auch wenn sie noch so krass anmutet.» Diese Aussage berührt mich persönlich. Wie oft verfällt man in Vorurteile und nimmt sich keine oder nur wenig Zeit für seine Mitmenschen.
Zurück zu Dave Isay, dem Initianten von StoryCops:
Auch Isay führte ein Gespräch. Und das mit seinem Vater. Er gestand ihm, dass er homosexuell ist. Seine Homosexualität hat sein Leben verändert und den Impuls für die Gründung von StoryCops gegeben.
Zurück zur traditionellen Weihnachtsgeschichte aus der Bibel:
Ein Gott, der als Kind geboren wurde, begegnete seinen Mitmenschen mit der gleichen Verletzlichkeit, wie wir sie kennen. Er vermittelte emotionale Resonanz, Verbundenheit und Vertrauen. Er stand zu seinen Werten, liess sich mit Respekt auf vielfältige Menschen ein und ermöglichte neue Perspektiven.
Zu uns selbst stehen und uns für andere respektvoll hingeben, das ist der Kern unserer Existenz. Ein guter Grund, die Weihnachtsgeschichte wieder neu zu entdecken.
Lesenswertes zum Thema Weihnachtsgeschichten im Web
ERF-Medien.ch: Weihnachtsgeschichten mit tieferem Sinn zum Vorlesen
Radio- und TV-Sendungen, Printbeiträge rund um Weihnachten.
Christliche-Werte.ch: Die Weihnachtsgeschichte und was sie uns sagen will
Weihnachten: Das ist Josef und Maria mit dem Kind Jesus Christus im Stall oder in der Herberge. Die Hirten auf dem Feld, die drei Könige aus dem Morgenland, die Volkszählung und König Herodes, der nichts Gutes im Schild führte. Die original Weihnachtsgeschichte aus der Bibel – festgehalten im Lukas Evangelium.
Raeber-Leben-Blog.ch: Die Weihnachtsgeschichte als Ratgeber für den Lebensalltag
Die traditionelle Weihnachtsgeschichte ist mehr als lediglich ein kulturelles Erbe, welches vom Ursprung her inzwischen circa 2000 Jahre zurückliegt. Für viele Menschen ausserhalb christlich-konfessioneller Zugehörigkeit stellt diese Überlieferung einer Knabengeburt unter rätselhaften Umständen allerdings meist nur eine uralte Legende dar. Doch hat diese Geschichte, die von der Geburt eines Jungen in der Nähe der modernen israelischen Hauptstadt Jerusalem handelt, auch heutzutage etwas für sich. Was dieser mögliche, zeitlos geltende Bedeutungsüberschuss sein kann, wird in diesem Artikel genauer betrachtet.
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